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Bürgerbewusstsein  

Als Bürgerbewusstsein wird das Insgesamt der mentalen Vorstellungen über die politisch-gesellschaftliche Wirklichkeit begriffen. Es dient der individuellen Orientierung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und produziert zugleich den Sinn, der es dem Menschen ermöglicht, vorgefundene Phänomene zu beurteilen und handelnd zu beeinflussen. Neben den fachlichen Gehalten werden die Strukturen des Bürgerbewusstseins untersucht. Denn diese ermöglichen vernetzte Denkbewegungen, durch die erworbene Kenntnisse in größere Sinnkontexte eingebunden werden können. Von Interesse sind die mentalen Modelle, welche die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse subjektiv verständlich, erklärbar und anerkennungswürdig machen.

Forschungsthemen

Thematisch lassen sich die Forschungsfragen fünf zentralen Sinnbildern des Bürgerbewusstseins zuordnen: „Vergesellschaftung“, „Wertbegründung“, „Bedürfnisbefriedigung“, „Gesellschaftswandel“ und „Herrschaftslegitimation“.

„Vergesellschaftung“: Das Bürgerbewusstsein verfügt über Vorstellungen darüber, wie sich
Individuen in der und zu einer Gesellschaft integrieren. Welche Vorstellungen existieren über
das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft? Wie wird soziale Heterogenität subjektiv
geordnet und gruppiert? Welche Aussagen und Begründungen über die Bedeutung von
sozialen Differenzen sind vorhanden; sei es hinsichtlich des Geschlechts, der Ethnizität, der
Herkunft, der sozialen Ungleichheit, des Lebensstils oder andere Kategorisierungen? Wie
wird das Verhältnis von sozialer Vielfalt und gesellschaftliche Integration erklärt? Welche
Konzepte sozialer Inklusion und Exklusion werden eingesetzt?

Wertbegründung: Das Bürgerbewusstsein verfügt über Vorstellungen darüber, welche
allgemein gültigen Prinzipien das soziale Zusammenleben leiten. Welche Werte und Normen
werden in politischen Konflikten, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und
ökonomischen Unternehmungen erkannt? Welche Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit,
politischer Gleichheit, Anerkennung von Differenz, Freiheit des Individuums bestehen? Wie
werden diese begründet?

Bedürfnisbefriedigung: Das Bürgerbewusstsein verfügt über Vorstellungen darüber, wie
Bedürfnisse durch Güter befriedigt werden. Wie wird das Funktionieren des ökonomischen
Systems erklärt? Welche Konzepte über das Entstehen von Bedürfnissen, die Produktion von
Gütern und die Möglichkeiten der ihrer Verteilung (u.a. Marktkonzepte) werden verwendet?
Welche Vorstellungen über Arbeit, Arbeitsteilung und Konsums prägen das
Bürgerbewusstsein?

Gesellschaftswandel: Das Bürgerbewusstsein verfügt über Vorstellungen darüber, wie sich
sozialer Wandel vollzieht. Wie werden die Ursachen und die Dynamik sozialen Wandels
erklärt? Wie werden Kontinuitäten begründet? In welcher Weise wird die Vergangenheit
erinnert und die Zukunft erwartet? Welche Konzepte bspw. der Globalisierung, der
Individualisierung, der Demokratisierung oder des Fortschritts sind erkennbar.

Herrschaftslegitimation: Das Bürgerbewusstsein verfügt über Vorstellungen darüber, wie
partielle Interessen allgemein verbindlich werden. Wie wird die Ausübung von Macht und die
Durchsetzung von Interessen beschrieben und gerechtfertigt? Welche Konflikt- und
Partizipationsvorstellungen sind erkennbar? Welche Vorstellungen über Staatlichkeit
(national, europäisch, global) und welche Macht- und Herrschaftskonzepte finden
Verwendung? Wie werden demokratische und autokratische Herrschaftssysteme legitimiert
bzw. kritisiert?

Forschungsaufgaben

Forschungsstrategisch eröffnen sich vier Aufgaben der Untersuchung von Bürgerbewusstsein:
empirisch, normativ, reflexiv und anwendungsbezogen.

Die empirische Forschung untersucht die Tatsächlichkeit des Bürgerbewusstseins. Sie fragt
nach der vorhandenen sozialwissenschaftlichen Kompetenz von Bürgerinnen und Bürgern.
Für die Analyse werden Methoden der qualitativen (bspw. Qualitative Inhaltsanalyse und
Problemzentriertes Interview) aber auch der quantitativen Sozialforschung eingesetzt. Für die
Erhebung und Auswertung der Daten sind folgende Fragen relevant: Welcher impliziter
Theorien bedienen sich Bürgerinnen und Bürger in der Auseinandersetzung mit politischgesellschaftlichen Themen, Prozessen und Institutionen? Welche normativen Faktoren
beeinflussen die Vorstellungen über Politik, Gesellschaft und Wirtschaft? Lassen sich
domänenspezifische Motivationen und Interessen erkennen? Wie korrespondieren
beziehungsweise divergieren die Alltagsvorstellungen und die fachwissenschaftlichen
Konzepte?

Die normative Forschung untersucht die Wünschbarkeit des Bürgerbewusstseins. Dem
Forschungszweig stellt sich die Frage, welche sozialwissenschaftlichen Vorstellungen, den
Einzelnen für ihre alltäglichen Begegnungen mit Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nützlich
sind oder werden können. Den normativen Referenzpunkt stellt die Mündigkeit von
Bürgerinnen und Bürgern dar. Deshalb stehen folgende Leitfragen im Mittelpunkt der
normativen Reflexion: Welchen Beitrag liefern die untersuchten fachlichen Vorstellungen zu
einer demokratischen Bürgerschaftsbildung? Welche Partizipationsformen resultieren daraus?
Welche Wertbindungen sollte das Bürgerbewusstsein herstellen können? Die normative
Erforschung des Bürgerbewusstseins orientiert sich an den allgemeinen Demokratie- und
Gesellschaftstheorie.

Die reflexive Forschung untersucht die Möglichkeit des Bürgerbewusstseins. Es stellt sich die
Frage an welchen Gegenständen und auf welchen Wegen das Bürgerbewusstsein gewandelt
werden kann. Welche potenziellen sozialwissenschaftlichen Kompetenzen sind wie erlernbar?
Es wird untersucht, welche Lernchancen die gesellschaftliche Wirklichkeit beherbergt.
Einerseits ist die Lebenswelt daraufhin zu befragen, welche Vorstellungen über die
Gesellschaft in ihr erlernt können. Andererseits werden die Sozialwissenschaften auf die
bürgerschaftliche Relevanz ihrer fachlichen Erkenntnisse befragt. Es wird reflektiert, an
welchen Gegenständen und in welchen Formen die mentalen Modelle über Politik, Wirtschaft
und Gesellschaft wie weiterentwickelt werden könnten. In diesem Feld kommen
experimentelle Forschungsmethoden zum Einsatz.

Die anwendungsbezogene Forschung untersucht die Beeinflussbarkeit des
Bürgerbewusstseins. Die Aufgabe zielt auf die Strukturierung sozialwissenschaftlicher Lehrund
Lernprozesse in Schule und Gesellschaft. Die Forschungsergebnisse aus den anderen
Aufgabenfeldern werden in praktische Zusammenhänge gestellt. Dabei steht die Entwicklung
von Konzepten, Methoden, Medien und Leitlinien der Politischen Bildung bzw.
bürgerschaftlichen Bildung im Vordergrund. Welche Vorstellungen können beim Erwerb von
sozialwissenschaftlichen Kompetenzen als hemmend beziehungsweise förderlich betrachtet
werden? Welche der Alltagsvorstellungen korrespondieren mit welchen fachlichen
Vorstellungen? Welcher situative Kontext begünstigt welche Veränderungen des
Bürgerbewusstseins?

 

Politische Bildung

Jeder Mensch entwickelt Vorstellungen über die gesellschaftliche Wirklichkeit. In Lernprozessen entsteht ein politisch-gesellschaftliches Bewusstsein, das der individuellen Orientierung in der sozialen Umwelt dient. Dieses Bewusstsein produziert den Sinn, der es dem Menschen ermöglicht, die politisch-gesellschaftliche Wirklichkeit zu interpretieren und handelnd zu beeinflussen. Politische Bildung wirkt auf den Lernprozess unter der Zielsetzung ein, auf Seiten der Lernenden ein Höchstmaß an Autonomie und Mündigkeit zu entwickeln. Im Mittelpunkt Politischer Bildung steht der Mensch, dem durch die Förderung politischer Deutungs- und Handlungskompetenzen eine selbstbestimmte Lebensführung in einer immer komplexeren Gesellschaft ermöglicht werden soll. Politische Bildung will Lernende befähigen, die politisch-gesellschaftliche Wirklichkeit zu erkennen, zu beurteilen und zu beeinflussen. Die politische Urteils- und Handlungskompetenz der Bürgerinnen und Bürger stellt eine Voraussetzung für das Funktionieren und für die Dauerhaftigkeit demokratischer Systeme dar. Politische Bildung zielt aber nicht einfach auf Systemadaption, sondern sieht sich im Kontext eines historischen Demokratisierungsprozesses, der eine grundsätzliche Wandlungs- und Verbesserungsfähigkeit der vorgefunden Wirklichkeit unterstellt. Politischer Bildung liegt zunächst ein offener Politikbegriff zu Grunde, der unterschiedliche Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens umfasst. Dadurch integriert die Politische Bildung verschiedene sozialwissenschaftliche Lernfelder. Es lassen sich das politische, das historische, das soziale, das ökonomische und das kulturelle Lernen unterscheiden.

 

Politisches Lernen

Politisches Lernen thematisiert Politik im engeren Sinne. Politik transformiert die Interessenvielfalt einer sozialen Gruppe in allgemein verbindliche Regelungen. Durch politisches Lernen werden Vorstellungen darüber aufgebaut, wie in sozialen Gruppen allgemeine Verbindlichkeit hergestellt wird beziehungsweise werden soll. Politische Bildung will das Politikbewusstsein in eine Richtung entwickeln, dass sie Lernenden die kritische Beurteilung politikrelevanter Problemlagen und die aktive Teilhabe am politischen Prozess ermöglicht.

 

Historisches Lernen

Historisches Lernen formt und entwickelt das Geschichtsbewusstsein. Durch Politische Bildung wird gelernt, wie aus vergangenen Erfahrungen Sinnzusammenhänge für die Gegenwart und Zukunft gewonnen werden können. Historisch-politische Bildung lehrt zugleich, dass die politisch-gesellschaftliche Wirklichkeit geworden und damit auch veränderbar ist.

 

Soziales Lernen

Soziales Lernen entwickelt das Verständnis für gesellschaftliche Differenz und Interessenvielfalt. Es verbessert die in einer heterogen zusammengesetzten Gesellschaft notwendigen Interaktions- und Kommunikationskompetenzen der Lernenden. Für die Politische Bildung hat die Befähigung zur Gewaltvermeidung, zur Kooperation, zur Konfliktbewältigung und zur Anerkennung von Differenz eine besondere Bedeutung. Soziale Kompetenz gründet auf einer stabilen Persönlichkeit.

 

Kulturelles Lernen

Kulturelles Lernen in der Politischen Bildung will dazu beitragen, dass Wert- und Normvorstellungen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen erkannt, hinterfragt und entwickelt werden können. Das Ziel ist die Befähigung zur moralischen Urteilsbildung auf der normativen Grundlage von allgemein gültigen Prinzipien der Grund- und Menschenrechte. Neben dem moralischen ist auch das rechtliche Lernen und das politisch-ästhetische Lernen dem kulturellen Feld der Politischen Bildung zuzuordnen.

 

Ökonomisches Lernen

Ökonomisches Lernen beeinflusst die Vorstellungen über die Strukturen und Prozesse des Wirtschaftslebens. Politische Bildung will Kenntnisse über die Funktionslogik des ökonomischen Systems vermitteln und zur aktiven und reflektierten Teilhabe am Arbeitsleben befähigen. Lernende werden mit dem Prozess der Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen vertraut sowie auf eine Rolle als "mündige Verbraucher" vorbereitet.