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Die subjektive Dimension von Menschenrechten. Zu den Implikationen von Alltagsvorstellungen für die Politische Bildung

Dissertation von Inken Heldt (abgeschlossen 2015)

Wie können Menschenrechte für alle Menschen verständlich werden? Zu dieser Frage will die empirische Dissertationsstudie einen Beitrag leisten. Übergreifendes Ziel ist es, Innovationspotenziale und Veränderungserfordernisse in der Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand Menschenrechte zu ermitteln. Die Studie beabsichtigt, die aktuelle Debatte um die Menschenrechtsbildung um eine fachdidaktische Perspektive zu ergänzen und die Überlegungen zum Lerngegenstand neu zu akzentuieren, nämlich in Berücksichtigung der Lernenden-Perspektive. Damit bringt die Arbeit Perspektiven hervor, die zu einer Neudefinition von Sinn und Relevanz der Menschenrechtsbildung beitragen. Die qualitative Studie zielt damit auch darauf, Widerspruchslagen gegenwärtiger Konzepte der Menschenrechtsbildung aufzuspüren und sich gängigen Vereinnahmungsstrategien und Überhöhungen des Lerngegenstandes zu widersetzen. Unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge zu Menschenrechten werden dazu systematisch und disziplinübergreifend reflektiert und zu subjektiven Vorstellungswelten von Schüler/-innen in Beziehung gesetzt.

Eine empirisch begründete Typenbildung ermöglicht es, die Vielfalt der subjektiven Vorstellungsmuster zu den Aspekten Begriffsverständnis, Relevanzzuschreibung und Handlungsmöglichkeiten für Menschenrechte auf überschaubare Gruppen und charakteristische Merkmalskombinationen zu reduzieren. Die Einteilung der subjektiven Vorstellungselemente in vier Typen erhöht die Übersichtlichkeit der Vorstellungsvariationen und macht die Erhebungsergebnisse für die Bildungspraxis greifbar. Im Hinblick auf die Frage, welche Aspekte (noch) kein Bestandteil der typischen Vorstellungen sind, skizziert die Studie für jeden Typ fachdidaktische Anknüpfungspunkte für nachhaltige Lernstrategien.

Damit die Befragten ihre Überlegungen zu Menschenrechten nicht abstrakt, d.h. in Isolation von eigenen alltäglichen Erfahrungen und Handlungsentscheidungen entfalten, werden menschenrechtliche Prinzipien auch in einem konkreten Kontext betrachtet: den gewöhnlichen Alltag Die Analyse erlaubt damit einen Zugriff auf die Frage, welche gesellschaftlichen Verschiedenheiten die Schüler/-innen als relevant thematisieren und inwiefern sie diese zu Menschenrechten ins Verhältnis setzen. Die befragten Schüler/-innen erkennen einerseits Menschenrechte formal an, sind aber zugleich kaum in der Lage, lebensweltliche Handlungsimplikationen abzuleiten. In den Schüler/-innenvorstellungen rücken Menschen, die keinen Verdienst und keine Bildung nachweisen können, als Benachteiligte in den Fokus, gemeinsam mit ‚Ausländern’. Gleichzeitig – und häufig im selben Atemzug – werden Benachteiligte als Teil von gesellschaftlichen Problemmileus beschrieben, deren Angehörige Merkmale wie geringe Leistungsmotivation, Integrationsverweigerung, aggressive Verhaltensweisen und Kriminalitätsbereitschaft aufweisen – ihre Ungleichbehandlung lässt sich in den Vorstellungen der Schüler-/innen damit fraglos rechtfertigen. Die Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben ökonomischer Nützlichkeit oder Leistungsfähigkeit ist als eine wesentliche Lernprovokation für die Menschenrechtsbildung zu verstehen. Die Politische Bildung steht damit vor der Aufgabe, in den Mittelpunkt der Beschäftigung mit der Bedeutsamkeit der Menschenrechte die Frage nach dem wertenden Schritt zu rücken, mit dem aus wertneutraler Verschiedenheit von Menschen eine Ungleichwertigkeit im Sinne eines gesellschaftlichen „oben“ und „unten“ begründet wird.

Publikation: 
Heldt, Inken (2017): Die subjektive Dimension von Menschenrechten. Zu den Implikationen von Alltagsvorstellungen für die Politische Bildung. Wiesbaden: Springer VS.

Für einen Austausch zu wissenschaftlichen und bildungspraktischen Aspekten von Menschenrechtsbildung stehe ich gerne zur Verfügung: i.heldtipw.uni-hannover.de, 0511 762 18827