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Dissertationsschrift

Moritz Peter Haarmann (2015, i. E.): Wirtschaft – Macht – Bürgerbewusstsein.
Walter Euckens Beitrag zur sozioökonomischen Bildung. Wiesbaden: Springer VS, 574 S.

Moritz Peter Haarmann nimmt das Leben und Werk des Ökonomen Walter Eucken (1891–1950) aus einer ganzheitlichen sozialwissenschaftlichen Perspektive in den Blick. Der Autor verdeutlicht: Euckens Forderung nach einer machtfeindlichen Wirtschaftsordnung bildet das ordnungspolitische Äquivalent zum demokratischen Rechtsstaat. Seine politisch gesicherte „Wettbewerbsordnung“ repräsentiert ein ethisch unterlegtes Kontrastprogramm zur „freien“ Marktwirtschaft. Als Gegenentwurf zu einer disziplinären Engführung der Wirtschaftswissenschaften verkörpert die Theorieentwicklung des „Ordoliberalen“ eine Sozioökonomik par excellence. Euckens Appell, die gesellschaftlichen Ebenen Politik und Wirtschaft unter dem Primat des freiheitssichernden Rechtsstaats dialogisch aufeinander zu beziehen, ist insbesondere auch für die Diskussion einer adäquaten Organisation des ökonomischen Lernens an allgemeinbildenden Schulen interessant.

 

Die vier Hauptteile der Studie:

Über die Notwendigkeit, politisch über (Markt-)Wirtschaft nachzudenken: In diesem einleitenden Teil werden ausgehend von der aktuellen Praxis ökonomischen Lernens an Schulen die Aufgaben und Herausforderungen einer emanzipatorischen sozioökonomischen Bildung umrissen. Bei der Auseinandersetzung mit den Bezugsdisziplinen wird deutlich, dass eine sozioökonomische Theorieentwicklung vor der marktliberalen Engführung der Wirtschaftswissenschaften selbstverständlich war. Auch weil dieser gegenwärtig eine Umdeutung durch Marktliberale zu erfahren scheint, erscheint dabei insbesondere Euckens „Ordoliberalismus“ als interessant.

Walter Eucken und die „Wettbewerbsordnung“ in der Rezeption: An dieser Stelle findet eine Auseinandersetzung mit der Eucken-Rezeption im NS-Regime, der „DDR“ und der Bundesrepublik Deutschland statt. Ein bemerkenswertes Ergebnis ist, dass sich heute ordnungspolitisch so unterschiedlich orientierte Personen wie die frühere Stalinistin Sahra Wagenknecht und der ehemalige FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle auf Eucken berufen.

Leben und Werk Walter Euckens: Ausgehend von dem Befund, dass Euckens Gedankengut gegenwärtig einer nahezu beliebigen Interpretation unterliegt, wird mit dem Hauptteil der Studie eine Rekonstruktion von Euckens Ordnungstheorie geleistet. Dabei werden die maßgeblichen Primärquellen konsequent biografisch kontextualisiert und auf ihre theoretischen Hauptaussagen untersucht. Im Ergebnis wird Eucken als ein überzeugter Sozioökonom identifiziert, der den Weg in eine politisch geordnete Marktwirtschaft weist.

Didaktische Schlussfolgerungen: Die Studie mündet in der Erkenntnis, dass eine sozioökonomische Bildung ebenso möglich wie notwendig ist. Auch und gerade am viel zitierten Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft lässt sich aufzeigen, dass Wirtschaft im Unterricht nicht als Selbstzweck behandelt werden darf, sondern stets auf die Ansprüche der anderen gesellschaftlichen Ordnungen zu beziehen ist. Der Ökonom Eucken zeigt, dass eine konsequente Berücksichtigung der „Interdependenz der Ordnungen“ (Eucken) mitnichten zu einem Verlust von ökonomischer Fachlichkeit führen muss, wie es Vertreter einer ein-Fach-Lösung behaupten. Im Gegensatz zu einer marktaffinen Kunde ermöglicht eine sozioökonomische Bildung aber einen Unterricht, der den Ansprüchen schulisch vermittelter Allgemeinbildung in einer demokratischen Gesellschaft gerecht wird!