• Zielgruppen
  • Suche
 

Israel-Exkursion 2014 - Student_innen berichten von ihren Erfahrungen

/// von Henriette Lange, Natalia Dalmer und Juliane Liedtke

Der Nahostkonflikt ist in den deutschen Medien ein präsentes Thema, dessen Komplexität sich nur bedingt in den Nachrichten aus der Region widerspiegelt und so war es für uns als Politikwissenschaftler_innen eine gute Gelegenheit, in den Nahen Osten zu reisen um uns ein eigenes Bild zu verschaffen.

Zwei Vorbereitungsseminare am Fachbereich IB

Nach einer zweisemestrigen, theoretischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten, Akteuren und Hintergründen des Konflikts stand für uns, 14 Studierende des Instituts für Politische Wissenschaft, nun endlich Praxis auf dem Programm. Auch in der Hoffnung, dem nasskalten Märzwetter in Deutschland entfliehen zu können, brachen wir unter der Leitung von Herrn Dr. Naji nach Israel und Palästina auf. Als Politikstudent_innen hatten wir natürlich auch den Anspruch, den Nahostkonflikt zu lösen und machtne uns bereits nach dem Kennenlernen auf dem hannoverschen Flughafen Gedanken über mögliche Strategien.

Ankunft in Israel

Mit diesem ambitionierten Ziel im Gepäck ging es via Istanbul nach Tel Aviv. Obwohl wir bereits vor unserer Reise für die sehr hohen Sicherheitsmaßnahmen am Tel Aviver Flughafen sensibilisiert wurden, war nach einer langen Reise die Wartezeit an den Schaltern der Sicherheitsbehörden eine Geduldsprobe. Doch nachdem die einzelnen Befragungen überstanden waren, ging es mit dem Bus nach Jerusalem. Zu später Stunde und in unerwartetem Dauerregen wurde das Quartier, eine Herberge für christliche Pilger_innen, in der Altstadt bezogen.

 

 

Besuch bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und (kulinarische) Stadterkundung

Unseren ersten offiziellen Termin hatten wir am nächsten Tag mit Mitarbeiter_innen der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ost-Jerusalem, wo wir in einem sehr anschaulichen Vortrag über die Geschichte des Konflikts und die aktuelle Situation vor Ort informiert wurden. In dem anschließenden Gespräch wurde jedoch auch deutlich, dass die Geschichte des Konflikts unterschiedlich erzählt werden kann und dass dessen Darstellung mitunter davon abhängig ist, wer sie erzählt. Bereits an unserem ersten Tag wurde uns erneut die Komplexität des Konfliktes vor Augen geführt und gezeigt, dass es sowohl Grund zur Hoffnung, aber auch zur Sorge gibt, wenn es um die Bewältigung des Nahost-Konfliktes geht.

Obgleich die Ergründung der Ursachen und der Lösungen des Konfliktes auch weiterhin auf dem Programm stehen sollte, hieß es zunächst, die traditionsreiche Stadt Jerusalem, mit ihrer bewegten Geschichte, zu erkunden. Mit Bus, Bahn und zu Fuß erkundeten wir die verschlungenen Wege der Stadt und bestaunten die zahlreichen historischen Gebäude, Plätze und heiligen Stätten. Insbesondere die Altstadt mit ihren verwinkelten, kleinen Gassen, den begehbaren Dächern und dem lebhaften arabischen Basar wurde im Laufe der Woche zur Pilgerstätte für Falafelliebhaber_innen, Souvernirjäger_innen und Geschichtsbegeisterte.

In den Pausen des offiziellen Programms genossen wir die Küche des Vorderen Orients in vollen Zügen. Neben großartigen Mahlzeiten mit Humus, Falafel und Shawarma gehörte auch der Besuch des jüdischen Mahane Yehuda Marktes zu den kulturellen und kulinarischen Erlebnissen dieser Reise. Ob Früchte, Halwa, Fleisch, Tee oder Kaffee – die Händler_innen boten eine Vielfalt an frischen Produkten an.

Treffen mit Lehrenden und Studierenden der Hebrew University

Nach dieser kulinarischen Entdeckertour stand nun einer der Höhepunkte der Reise auf dem Programm. Den Kontakten von Frau PD Dr. Jutta Joachim und Herrn Dr. Naji ist es zu verdanken, dass wir uns mit israelischen Lehrenden und Studierenden der Politikwissenschaft der Hebrew University of Jerusalem austauschen konnten. In einer gemeinsamen Seminarsitzung entstand eine spannende und sehr analytische Diskussion über die Ursprünge und Facetten des Konflikts, mögliche Lösungsansätze und das alltägliche Leben in Israel. Wir nutzten die Möglichkeit, gleichaltrige Israelis über ihr Leben, ihre Gedanken zu dem Konflikt und ihre Meinung zu der europäischen Nahostpolitik zu befragen* und wagten gemeinsam mit ihnen einen Blick in die Zukunft.

Durch den Besuch an der Hebrew University bekam das verschwommene Bild des Lebens in Israel klarere Konturen und stellte Überlegungen zu den herrschenden Sicherheitsbedenken Israel, den Stellenwert der jüdischen Kultur und Identität in einen neuen Kontext. Die Diskussionen ließen erahnen, dass eine kurze Studienreise wie die unsere nur einen ersten Einblick in die Konfliktstrukturen gewähren kann, denn erneut zeigte sich die Vielschichtigkeit des Konflikts, die verhärteten politischen Fronten und gleichzeitig der Wunsch vieler Menschen, eine friedliche Lösung zu erreichen. Erste Eingeständnisse mussten aber gemacht werden: Die Lösung des Konflikts in acht Tagen war zugegebener Maßen sehr hoch gegriffen, Verständigung und Vermittlung wurden daher als erste Etappenziele ausgegeben.

Holocaustgedenkstätte Yad Vashem

Um auch die historischen Wege des Konflikts nachzuverfolgen, entschieden wir uns für einen gemeinsamen Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Es war eine besonders aufwühlende Erfahrung, dieses Mahnmal zu besuchen und wir waren – und sind es noch immer - tief bewegt von den dort gezeigten Dokumenten, Bildern und Objekten der Sammlungen. An diesem Ort des Gedenkens scheint der Schmerz bis heute greifbar.

Der Besuch war eine gute Ergänzung zu den akademischen Sichtweisen an der Hebrew University und ergänzte das Wissen über die jüdisch-israelische Perspektive auf den Konflikt.

Ein Tag an der palästinensischen Birzeit Universität

Ein weiterer Höhepunkt der Reise – und einer, der wohl alle zum Nachdenken gebracht hat - war der Besuch der Birzeit Universität in der Nähe von Ramallah. Schon die Hinfahrt war denkwürdig, denn die Strecke verlief über weite Teile entlang der von Isrealis errichteten Mauer. Das beklemmende Gefühl, dass wir bei der Überquerung des Checkpoints hatten, verstärkte sich bei unserer Ankunft an der Universität. Unser akademischer Austausch an der Universität wurde von einem Trauerfall überschattet. Nur zwei Tage zuvor war ein Student von israelischen Siedlern/Soldaten** erschossen worden, weshalb der gesamte Universitätsbetrieb für die folgenden zwei Tage stillstand.

Nach einem Vortrag von Dr. Helga Baumgarten von der Birzeit Universität und Dr. Carsten Walbiner vom DAAD, erhielten wir eine Einführung zur Geschichte der Universität und einen Rundgang mit anschließendem Gespräch mit Studierenden. Der Tod des Kommilitonen war verständlicher Weise ein präsentes Thema, das nicht zuletzt auch zu Gesprächen über die alltäglichen Einschränkungen durch die Besatzung geführt hat und zu einem persönlichen und oftmals sehr bewegenden Austausch mit den palästinensischen Studierenden geführt hat.

Abschließend hatten wir die Möglichkeit, ein Gespräch mit dem Vizepräsidenten der Universität, Dr. Ghassan Al Khatib, zu führen, dessen frühere Tätigkeiten in der palästinensischen Regierung uns eine weitere Perspektive auf die zu dem Zeitpunkt laufenden Friedensgespräche eröffnete.

Im Regen machten wir uns wieder auf dem Rückweg und waren froh, als wir während unseres Zwischenstopps in Ramallah den Regenschirm im Bus zurück lassen, und den Spaziergang durch das lebendige Stadtzentrum und unsere abendliche Falafel im Trockenen genießen konnten.

Religion und Nahostkonflikt

Nachdem wir in den Tagen zuvor vor allem die akademisch

e Perspektive auf den Konflikt eingenommen hatten, war es nun an der Zeit, der religiösen Bedeutung der Region und des Konfliktes nachzugehen. Dass Jerusalem ein Zentrum für alle drei monotheistischen Religionen ist, wird vor allem in der Altstadt deutlich. Hier finden sich sowohl die religiösen Stätten des Judentums, des Christentums, als auch bedeutende Pilgerstätten des Islams. Zurück in der Stadt und mit dem wiederkehrenden Regen als ständigen Begleiter, besichtigten wir daher am nächsten Tag einige religiöse Stätten. Nach der thematischen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Konfliktlinien des Nahost-Konflikts, hatten wir an diesem Tag die Gelegenheit, den Erzbischof der griechisch-orthodoxen Kirche, Atallah Hanna, zu treffen. Bevor wir uns anschließend mit dem Probst der Erlöserkirche, Wolfgang Schmidt, austauschen konnten, besuchten wir die Klagemauer und die Al-Aqsa Moschee. Endlich völlig durchnässt in der Erlöserkirche angekommen, waren wir froh über die Heizstrahler und den heißen Tee. Das Wetter hatte es wahrlich nicht gut mit uns gemeint!

Bethlehem und das Toten Meer

Zum Abschluss unserer Reise ging es zur Bethlehemer Geburtskirche in Bethlehem und an das Tote Meer. Die zum UNESCO Weltkulturerbe gehörende Geburtskirche ist ein Magnet für Tourist_innen und Pilger_innen aus der ganzen Welt. In dem Gedränge der bis zum Bersten gefüllten Kirche arbeiteten sich die Besucher_innen langsam, aber zielstrebig zur Geburtsgrotte vor – um für einige Sekunden vor dem Stern niederknien zu können. Einige von uns schlossen sich der Menge an – und waren ehrlicherweise froh das Gedränge bald hinter uns lassen zu können.

Eine ganz andere Erfahrung war das Baden im Toten Meer. Nachdem wir Bethlehem verlassen hatten, machten wir uns auf den Weg zum Toten Meer. In engen Serpentinen ging es auf bis zu 400 Meter unter den Meeresspiegels steil bergab. Diejenigen, die sich bei den doch recht lauen Temperaturen ins Wasser trauten, zückten auf dem Rücken liegend die imaginäre Zeitung hervor und genossen die Vorteile des hohen Salzgehalts im Toten Meer. Alle anderen begnügten sich damit, ihre Füße in den mineralstoffreichen Schlamm zu tauchen.

 

 

Rückkehr nach Deutschland

Und so ging eine ereignisreiche Woche schnell zu Ende. Den Konflikt konnten wir nicht lösen – aber im Gepäck wurden, neben Halwa und Gebäck, viele nachhaltige Eindrücke mitgenommen, die uns noch lange Zeit persönlich und akademisch beschäftigen werden. Wir sind froh und dankbar, dass uns diese Reise und die Begegnungen mit einigen beeindruckenden Persönlichkeiten ermöglicht wurden und hoffen, dass auch zukünftig Studierende eine solche Gelegenheit bekommen.

 

* Kurz vor unserer Ankunft in Jerusalem, hatte der damalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz durch eine Rede vor der Knesset für starkes Aufsehen in der israelischen und internationalen Presse gesorgt.

** Durch die unklare Berichterstattung über diesen Zwischenfalls und aus Ermangelung eindeutiger Quellen können und wollen wir an dieser Stelle nicht näher Stellung beziehen.