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Nachruf Universitätsprofessor Dr. Rudolf Müller

GOTTFRIED WILHELM  LEIBNIZ UNIVERSITÄT HANNOVER Philosophische Fakultät
Dekan


An die Mitglieder  des Senats der Leibniz Universität  Hannover
An die Lehrenden, Mitarbeiter/innen und Emeriti der Philosophischen Fakultät


Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,


im Namen des Instituts  für Politische Wissenschaft der Philosophischen Fakultät müssen wir Ihnen
die traurige Nachricht  mitteilen,  dass unser Kollege

                                                     Universitätsprofessor  Dr. Rudolf Wolfgang Müller
                                                                     19.10.1934 – 06.10.2017

nach längerer Krankheit verstorben ist.


Rudolf Wolfgang Müller war von 1974 bis zu seiner Emeritierung zum Ende des Wintersemesters 
1999/2000 ordentlicher Professor am Institut  für Politische Wissenschaft der Universität 
Hannover. Er starb am 6. Oktober 2017 kurz vor seinem 83. Geburtstag in Freiburg.

Zu kennzeichnenden Eigenschaften von Rudolf Wolfgang Müller gehörten seine Aufgeschlossenheit,
Interessens- und Kenntnisvielfalt,  seine umfassenden wissenschaftlichen  und sprachlichen
Kenntnisse sowie seine Sensibilität für Formen und Fragen der Interkulturalität  und
Interdisziplinarität. Diese Orientierungen sind nicht zuletzt in seiner Biographie angelegt. Sein
amphibisches Leben – so der Titel seiner 2009 erschienenen Autobiographie – umfasste ein
mehrsprachiges Aufwachsen in zwei Welten in seinem deutschen Elternhaus und der japanischen Umwelt
von 1934 bis 1947. Er wurde am 19. Oktober in Kobe/Japan geboren, wo er auch ab 1941 die Deutsche
Schule besuchte. Nach der Rückkehr mit seinen Eltern nach Deutschland 1947 lebte er zunächst in
München und ab 1948 in Stuttgart. Hier absolvierte er 1954 sein Abitur am einem altsprachlichen
Gymnasium. Im gleichen Jahr nahm er das Studium der Geschichte, der Anglistik und der Germanistik
an der Universität München  auf. Dieses setzte er ab 1957 an den Universitäten Berlin und Tübingen
mit den Fächern Latein, Grie chisch sowie Alte Geschichte fort. In den Jahren 1961 und 1965 legte
Wolfgang Müller das erste und zweite Staatsexamen für das Höhere Lehramt in den Fächern Latein,
Griechisch und Geschichte an der Universität Tübingen ab.

Im Jahre 1964 erfolgte die Promotion über Fragen der Interpunktion im antiken Latein an der
Universität Tü- bingen. Ein Jahr danach wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für
Theorie der Politik am Otto- Suhr-Institut der Freien Universität Berlin und 1970
Assistenzprofessor an der Wissenschaftlichen Einheit „The- orie der Politik“. Im Jahre 1974
habilitierte er sich dort mit seiner im Jahre 1977 veröffentlichten Schrift Geld und Geist. Obwohl
Müller  nicht selten, zum Teil auch von sich selbst in erster Linie als „Grenzgänger“ und
„Randständiger“ in der Politikwissenschaft wahrgenommen wurde, hat er doch in Forschung und Lehre
zentrale Bereiche dieser Disziplin vertreten. Dazu gehören Auseinandersetzungen mit dem Denken
antiker, klassischer und moderner politischer Philosophen. Die jeweiligen Denkweisen wurden von
Müller zum einen akribisch philologisch-immanent, zum anderen im Kontext der Entwicklung der
bürgerlichen Gesellschaft interpretiert  – ohne dabei einer vulgärmarxistischen
Basis-Überbau-Ableitung zu verfallen.

Weiterhin beteiligte er sich an den vor allem am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin
seit Anfang der 70er Jahre existierenden Bestrebungen zu einer „Rekonstruktion der Kritik der politischen
Ökonomie“. In kritischer Abgrenzung von oberflächlichen und verfälschenden
Sekundärinterpretationen sollte das „Kapital“ von Karl Marx im Original studiert und z.B. in Form
eines „Marxistischen Studiengangs“ in der Lehre verankert werden.

Gegenüber einer bloß affirmativen und abstrakten Rezeption betonte Wolfgang Müller die kritische
Dimension der Marxschen Wirtschafts- und Gesellschaftsanalyse sowie die Notwendigkeit, dabei nicht
bei einer bloß theoretischen und begrifflichen Arbeit stehenzubleiben, sondern konkrete
gesellschaftliche Probleme und empirische Daten einzubeziehen. In diese Richtung weisen seine
Analysen sozialer Probleme wie auch seine Beschäftigung mit staatstheoretischen Fragen, z.B. des
Rechts und Staates in der Antike und der modernen bürgerlichen Gesellschaft sowie des
Sozialstaats in der Bundesrepublik. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten Auseinandersetzungen mit
einflussreichen politologischen Theorien, insbesondere der von Ernst Fraenkel entwickelten
Pluralismustheorie und dessen  Analyse zum nationalsozialistischem „Doppelstaat“.

Zu den Arbeitsbereichen Müllers, die über die Politikwissenschaft und deren Grenzen hinausreichten
und interdisziplinär orientiert waren, gehörte vor allem die langjährige, unter unterschiedlichen
Gesichtspunkten erfolgende und auch selbstreflexive Auseinandersetzung mit Verständnissen und
Konzepten der Rationalität. Grundlegend und bahnbrechend war in dieser Hinsicht die 1977
veröffentlichte Habilitationsschrift Geld und Geist, in der Müller der Entstehungsgeschichte von
Identitätsbewusstsein und Rationalität seit der Antike nachging. Gemeinhin als selbstverständlich
angenommene Vorstellungen von Individuum, Rationalität und Identität wurden hier in einem inneren
Zusammenhang mit der sich entwickelnden Warentauschgesellschaft und den damit einhergehenden
Geldbeziehungen, wie sie bereits in der griechischen Antike existierten, betrachtet. Zudem wurde
aufgezeigt, dass entsprechende Vorstellungen  in einigen außereuropäischen Gesellschaften nicht
domi- nant geworden sind. In diesen Kontext gehört auch Müllers intensive und langjährige
Beschäftigung mit der Kultur, Geschichte, Gesellschaft und Politik Japans und damit einhergehenden
Verständigungsproblemen, vor allem auch mit Ausprägungen und Problemen eines Eurozentrismus und mit
komplexen Zusammenhängen zwischen Sprache, Kultur  und Gesellschaft.

Zu den genannten Themen hat Wolfgang Müller, z.T. in Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen,
zahlreiche Bücher und Aufsätze veröffentlicht  und wissenschaftliche Tagungen initiiert und
mitorganisiert, z.B. die Sym- posien Klassische Antike und bürgerliche  Gesellschaft. Schließlich
war Müller Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher  Zeitschriften  und Mitglied  des Vorstands
der Vereinigung sozialwissenschaftlicher  Japanforschung. Die Lehrtätigkeit hatte für Müller einen
zentralen Stellenwert. Gegenüber den jeweiligen Teilnehmern seiner Lehrveranstaltungen formulierte
er präzise und hohe Erwartungen, vermittelte  aber zugleich Hilfestellungen  zur Methodik
wissenschaftlichen Arbeitens. Die Beurteilung erbrachter Leistungen erfolgte in Form ausführlicher
Gespräche und Gutachten. Das Anwachsen der mit dem Übergang zur „Massenuniversität“ verbundenen
Zahl der Studierenden, die damit einhergehenden neuen Herausforderungen für die Lehrenden sowie
Phänomene  des Scheiterns und Abbruchs des Studiums beschäftigten und belasteten ihn. Wissenschaftliche
Forschung und die Förderung von wissenschaftlichem Nachwuchs erfolgten bei Wolfgang Müller eher in
traditioneller Form, nämlich als Einzelwissenschaftler und in Form einer persönlichen Betreuung und
Beurteilung einer Vielzahl von Examensarbeiten, Promotionen und Habilitationen.

Rudolf Wolfgang Müller gehörte zu den wenigen Hochschullehrern, die die rechtliche Möglichkeit zur
Beantragung einer Teilzeitbeschäftigung auch tatsächlich wahrnahmen. Über den langen Zeitraum von
16 Semestern reduzierte er seine Beschäftigung um die Hälfte. Dies erfolgte nicht zuletzt unter
arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten.  Die andere Hälfte seiner Stelle konnte so durch
Personen vertreten werden, die trotz hoher Qualifikation mit Schwierigkeiten auf dem akademischen
Arbeitsmarkt konfrontiert  waren. Wolfgang Müller plädierte dabei dafür, bei Vertretungen vor
allem Gesichtspunkte der Förderung von Wissenschaftlerinnen zu berücksichtigen. Im Rahmen der
Akademischen Selbstverwaltung engagierte sich Müller insbesondere als Geschäftsführer  Leiter des
Instituts, auf der Ebene der Philosophischen Fakultät und als Mitglied verschiedener Kommissionen.
Schließlich gehörte er zu den Personen, die sich in der Universität gegen das Rauchen in Gremien,
bei Dienstgesprächen und in Lehrveranstaltungen konsequent wehrten – und zwar bereits zu einem
Zeitpunkt, als dieses Verhalten in bestimmten akademischen Milieus noch weit verbreitet war oder
sogar als „schick“ galt.

Das Institut für Politische Wissenschaft und die Philosophische Fakultät verlieren in Rudolf
Wolfgang Müller einen außergewöhnlichen und sowohl politikwissenschaftlich als auch
interdisziplinär orientierten innovativen Gelehrten und geschätzten Kollegen, dem großer Dank
geschuldet ist und der in Erinnerung bleiben wird.


Prof. Dr. Christoph Hönnige                                               Prof. Dr. Marian Döhler                                  

Geschäftsführender Leiter des                                          Dekan der Philosophischen Fakultät   

Instituts  für Politische Wissenschaft               
Philosophischen Fakultät